Forschung

Untersuchungskonzept der „Basiserhebungen in Nordrhein-Westfalen zur Förderung ethnischer Diversität im Journalistenberuf“

Das Forschungsprojekt ist am Institut für Journalistik der TU Dortmund angesiedelt und ist für den Zeitraum Januar 2011 bis Dezember 2012 ausgelegt.

Zusammenfassung

Mit den „Basiserhebungen in Nordrhein-Westfalen zur Förderung ethnischer Diversität im Journalistenberuf“ sollen in erster Linie Kenntnisse darüber gewonnen werden, in welchen ethnischen Gruppen und aus welchen Gründen Affinitäten zum Journalistenberuf und in welchen Medien und aus welchen Gründen Affinitäten zur Beschäftigung von Migranten bestehen. Die Untersuchung besteht aus einer quantitativen Befragung von jungen Menschen aus ethnischen Minderheiten und einer systematisch-qualitativen, flächendeckenden Befragung des Personalmanagements privatwirtschaftlicher NRW-Medienbetriebe. Solche Erkenntnisse sollen anschließend dazu verhelfen, Migranten – u. U. verbunden mit journalistischer Ausbildung – erfolgreich in Medienredaktionen zu vermitteln.

Forschungsstand

Das Projekt konzentriert sich auf das journalistische Medienpersonal. Hierzu lässt sich mit einiger Sicherheit sagen, dass der Anteil der Journalisten mit Migrationshintergrund in den Redaktionen deutscher Medien insgesamt vier Prozent nicht übersteigt, wobei Verlagshäuser, die Presse- und Onlineprodukte anbieten, offenbar weniger Migranten beschäftigen als Rundfunksender. Geißler u. a. haben 2009 für Print-Redaktionen aufgrund einer Totalerhebung bei Redaktionen und eines Schneeballverfahrens bei Journalisten einen Migrantenanteil von deutlich unter zwei Prozent geschätzt. Die Befragung einer repräsentativen Zufallsauswahl aus den Mitgliedern des Deutschen Journalistenverbandes in NRW, die Journalisten aus allen Medien umfasst, hat ergeben, dass im Sommer 2007 zweieinhalb bis drei Prozent einen Migrationshintergrund hatten.

Während der Mangel an ethnischer Diversität in deutschen Redaktionen von der Medienforschung überzeugend belegt und unter Hinweis auf die deswegen schlecht erfüllte Integrationsfunktion der Medien berechtigter Weise beklagt wird, sind Forschungsergebnisse zu den Gründen dieses Mangels sowie dazu, wie er sich möglichst wirksam und rasch beheben lässt, selten und wenig belastbar. Die Forschung beschränkt sich – nicht untypisch für Sozial- und Kulturwissenschaften – überwiegend auf die Anzeige von Problemen, ohne nach gangbaren Lösungswegen zu suchen.

Aufgrund dieses Forschungsdefizits wird gern ohne Weiteres angenommen, die Unterrepräsentation von ethnischen Minderheiten in den Redaktionen sei auf Vorbehalte der Medienbetriebe zurückzuführen, Migranten als Journalisten zu beschäftigen. Dabei wird in der Regel nicht geprüft, ob überhaupt und wenn ja, bei welchen Migranten, von denen viele offenbar sozialen Aufstieg über die Ausbildung zum Ingenieur- oder Arztberuf anstreben, eine Bereitschaft besteht, im Journalistenberuf eine Lebensperspektive zu erkennen. Und aufgrund des Defizits an lösungsorientierter Forschung werden ohne Weiteres Programme zur Einrichtung oder Verbesserung der journalistischen Ausbildung für Migranten aufgelegt, ohne vorher zu prüfen, ob überhaupt und wo es Medienbetriebe gibt, die an der Aufnahme von Migranten ins Redaktionspersonal interessiert sind. Diese von der Forschung vernachlässigten Fragen hängen insofern zusammen, als die Motivation von Migranten, den Journalistenberuf zu ergreifen und sich dafür ausbilden zu lassen, an die realistische Aussicht gebunden ist, in Medienbetrieben eine für Lebenssicherheit und sozialen Aufstieg geeignete Beschäftigung zu finden.

Zielgerichtete Vermittlung von Angehörigen ethnischer Minderheiten in deutsche Medien, wie sie der Projektleiter auf längere Sicht als praktisches Ziel anstrebt, erfordert präzise Kenntnisse sowohl über Einstellungen und Affinitäten von Migranten zum Journalistenberuf sowie über Einstellungen und Affinitäten des Medienmanagements zur Beschäftigung von Personen mit Zuwanderungsgeschichte als Journalisten. Solche Kenntnisse soll das Projekt durch entsprechende Befragungen sowohl der ethnischen Minderheiten als auch des Medienmanagements zutage fördern, um sie Einrichtungen zur Verfügung stellen zu können, die sich die Vermittlung von Migranten in Medienredaktionen, evtl. verbunden mit journalistischer Ausbildung, zur Aufgabe machen.

Gesellschaftliche Bedeutung

Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer multiethnischen Einwanderungsgesellschaft entwickelt. Etwa 16 Millionen Menschen, das sind 19,6 Prozent der Bevölkerung, haben mittlerweile eine Zuwanderungsgeschichte. In manchen Ballungsgebieten liegt der Anteil der Migranten bei über 40 Prozent.
Dieses multiethnische Segment stellt nicht zuletzt aus demografischen und volkswirtschaftlichen Gründen einen wichtigen Teil der deutschen Gesellschaft dar, von dessen Integration ihre Zukunftschancen abhängen. Dass mediale Öffentlichkeit ein Faktor ist, der für die Integration von ethnischen Minderheiten Bedeutung hat, wird kaum bestritten. Dabei geht es heute nicht mehr, wie in früheren Phasen der Zuwanderung, um besondere Informations- und Unterhaltungsangebote für Minoritäten, sondern um die Partizipation aller ethnischen Gruppen an einer öffentlichen Kommunikation, die die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft wiedergibt. Dazu bedarf es einerseits einer angemessenen Präsenz der ethnischen Minderheiten in den kommunizierten Inhalten. Besonders das Fernsehen leistet hier einiges, indem es prominente Schauspieler, Moderatoren und Journalisten auf dem Bildschirm erscheinen lässt.

Andererseits gehört zu öffentlicher Kommunikation, die Integrationseffekte erwarten lässt, auch eine angemessene Repräsentation der Migranten am professionellen Personal hinter der Kamera, bei der Recherche oder am Redaktionscomputer. Denn nur so werden die besonderen Sichtweisen der Migrantengruppen öffentlich und können von anderen zur Kenntnis genommen werden. Die Chance, sich Gehör zu verschaffen, der Zutritt zur öffentlichen Kommunikation ist von den Vereinten Nationen 1948 zum Menschenrecht erklärt worden. Im Übrigen werden Medien das wachsende multiethnische Segment nur dann als Publikum und Kundschaft erreichen, wenn diese potentiellen Rezipienten ihre spezifischen Perspektiven in den Inhalten der Medien wiederfinden. Deshalb ist die Repräsentanz der Minderheiten im Redaktionspersonal auch von ökonomischer Bedeutung für die Medienbranche.

Trotz der ökonomischen Interessen der Medienhäuser entspricht der Anteil der Journalisten mit Migrationshintergrund auch nicht im Entferntesten dem 19,6-Prozent-Anteil der migrantischen Minderheiten an der Bevölkerung. Ein Ziel der 2005 mit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes in Angriff genommenen deutschen Integrationspolitik, das in den Nationalen Integrationsplan aufgenommen wurde, ist daher die Steigerung der ethnischen Diversität im Journalistenberuf, damit in absehbarer Zeit wenigstens die Hälfte des Anteils (in NRW etwa 11 %), den die Einwanderer an der Bevölkerung haben, in Medienredaktionen arbeitet.
Das Projekt zielt darauf, Erkenntnisse über Affinitäten von jungen Migranten(gruppen) zum Journalistenberuf einerseits sowie über Affinitäten im Medienmanagement zur Beschäftigung von migrantischen Journalisten andererseits zu gewinnen, die es erleichtern, das von der Integrationspolitik gesteckte Ziel der Erhöhung des Migrantenanteils am Redaktionspersonal deutscher Medien zu erreichen.